Impulse setzen für Diskussionen: Darum geht’s bei der Stiftung für Wirtschaftsethik

Mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen sich neben Konsumenten und Unternehmen auch bestimmte Institutionen. Ich habe bei meinen Recherchen die Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik entdeckt und einfach angefragt, ob sie mir ein bisschen über die Stiftung und deren Aufgaben erzählen können. Ein paar Wochen später war es dann soweit, ich hatte einen Telefontermin mit Christiane Hellar.

Bevor wir überhaupt über die Aufgaben und Hintergründe der Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik reden, müssen wir zuerst einmal definieren, was das überhaupt ist. Laut Wikipedia versteht man unter einer Stiftung eine

„Einrichtung, die mit Hilfe eines Vermögens einen vom Stifter festgelegten Zweck verfolgt.“

Wer sich bisher nur oberflächlich mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt hat, ist wahrscheinlich auch noch nicht über den Begriff Wirtschaftsethik gestolpert. Warum also dieses Wort für den Namen einer Stiftung? „Ehtik hat etwas damit zu tun, dass ich eine Entscheidung treffen muss, dass ich abwägen muss.“ erklärt Frau Hellar. „Die Frage stellen wir uns sowohl im Bildungsbereich als auch im Bereich Wirtschaft. Der Begriff Nachhaltigkeit hingegen hat den dialogischen, diskursiven Charakter nicht umfasst.“ Für mich klingt das logisch. Die Idee zur Stiftung ist auch schon im Jahr 2005 entstanden, damals war der Begriff Nachhaltigkeit noch nicht so geläufig wie heute. Die Stiftung kann damit auf mehr als 10 Jahre Erfahrung zurückblicken. Fangen wir am Anfang an:

Aufklärung als Treiber

Der Treiber für die Stiftung war zu Beginn die Förderung von Schul- und Universitätsprojekten oder Vereinen, die sich mit wirtschaftsethischen Fragestellungen beschäftigen. Aufklärungsarbeit an der Basis. Es ging und geht auch heute noch darum, junge Menschen, die möglicherweise später in den relevanten Positionen im Management arbeiten, auf ihre Aufgabe ausreichend vorzubereiten. Wer BWL studiert, muss sich auch mit Nachhaltigkeit beschäftigen und umgekehrt. So einfach ist das. Denn ethische Fragen und wirtschaftliches Handeln lassen sich nicht trennen. Die Schüler und Studenten werden anhand konkreter Beispiele zum Nachdenken angeregt und diskutieren Problemstellungen. Sie müssen sich konkret damit auseinandersetzen, was die Aufgaben von Unternehmen sind und was auch realistisch umsetzbar ist.

Unterrichtsmaterialien, die im Rahmen des ethos Projektes diskutiert werden, sind zum Beispiel:

  • Umwelt- und Sozialsiegel: Wie informativ und glaubwürdig sind sie?
  • Produkt- und Markenpiraterie – Fluch der Marktwirtschaft?
  • Der Deutsche Werberat – eine Erfolgsstory für die Ethik in der Werbung?
  • Whistleblowing – Verrat oder verantwortliches Handeln?

Wer wissen möchte, welche Projekte darüber hinaus umgesetzt wurden, kann sich hier informieren.

Irgendwann wurde Christiane Hellar und ihren Kollegen in der Stiftung bewusst, dass über die Bildungsarbeit hinaus viel grundlegendere Arbeit erforderlich war. Unternehmen wollten zwar gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, hatten aber die eigene Wertschöpfungskette überhaupt nicht im Blick. Sie wollten Schulen bauen, Schulkleidung für Kinder finanzieren etc. Das Verständnis der Stiftung für Wirtschaftsethik ist aber in erster Linie, dass Unternehmen sauber produzieren. Egal welche Produkte – ob Auto, Kleidung oder Schokolade – es geht darum, dass die gesamte Wertschöpfungskette beteiligt ist und in die Optimierung von Prozessen mit einbezogen wird. Gleichzeitig sollte sichergestellt werden, dass Mensch und Umwelt dabei so wenig wie möglich geschadet werden.

Ganz ohne Schaden für die Umwelt funktioniert es aber (auch heute) nicht. Dafür sind Frau Hellar und ihre Kollegen realistisch genug. Es geht immer ein Stück weit auf Kosten von Mensch und Natur, aber man sollte die Kosten so weit möglich reduzieren.

Und Christiane Hellar ist sich sicher, dass man mehr bewegen kann, wenn man sich mit den Unternehmen an einen Tisch setzt und mit ihnen diskutiert – anstatt nur von Weitem mit dem Finger auf sie zeigt. Von außen ist das Problem einfach. Wenn man die Komplexität und die Funktionsweise von Unternehmen kennt, weiß man, dass viele Komponenten eine Rolle spielen und es eben nicht so einfach ist. Auch aus diesem Grund ist der Ansatz, in Bildung und Forschung zu investieren, sehr wichtig. Angestellte und Manager in den Unternehmen müssen auf ihre Aufgaben ausreichend vorbereitet werden. Und da setzt die Stiftung an.

Die Stiftung arbeitet allerdings nicht direkt für Unternehmen, sondern führt Projekte durch, an denen Unternehmen beteiligt sind. Es ist wichtig, dass die Stiftung (finanziell) unabhängig ist und bleibt, so gerät sie nicht in die Gefahr in eine Abhängigkeit zu geraten. Im engen Austausch mit Unternehmen und den Probleme ihrer globalen Wertschöpfungsketten ist schließlich das era Framework entstanden.

Das era (Ethical Risk Assessment) Framework

Das era-Framework veranschaulicht die Ergebnisse der ethischen Risikoanalysen – also in welchen Bereichen gibt es Problemfelder. Das Framework unterteilt sich in die Kategorien: Ökologische Indikatoren, Menschenrechte, Arbeitspraxis/-qualtität, Governance und Produktverantwortung. Jede Kategorie enthält wiederum verschiedene Problemfelder. Zur Kategorie Menschenrechte gehören bspw. die Problemfelder Diskrimierung und Kinderarbeit.

era-framework

Um eine bestimmte Branche zu analysieren, wählt man nun eine bestimmte Wertschöpfungskette aus. Ich habe als Beispiel die Wertschöpfungskette für den Bereich Tourismus ausgewählt.

Wertschöpfungskette Tourismus

Alle bisher bearbeiteten Branchen könnt ihr euch im Detail auf der Webseite anschauen. Wenn ihr mit dem Mauszeiger über das Framework fährt, werden die identifizierten Hauptproblemfelder den entsprechenden Bereichen der Wertschöpfungskette zugeordnet. Ich habe den Tourist ausgewählt und ihr seht, dass da sehr viele Probleme vorhanden sind. Probiert das am besten einmal selbst aus.

era Framework mit Wertschöpfungskette Tourismus

Zu den einzelnen Problemfeldern gibt es jeweils eine Erklärung. Ein Tourist, der bei seinen Reisen sehr oft auf das Flugzeug als Verkehrsmittel setzt, ist bspw. mitverantwortlich für die klimaschädlichen Emissionen, die bei Flugreisen entstehen. Das müsste auch jedem klar sein.

Um ein Risk Assesment zu erstellen, redet die Stiftung mit den verschiedenen Akteuren der Branche. Unternehmen sagen, wo Bedarf besteht und wie sich vorstellen, wie man das Problem angehen kann. Der Branchenansatz ist ungefähr 2009/2010 entstanden. Die Stiftung hat damals eine Übersicht über die Branchen erstellt und festgelegt, wo der größte Bedarf besteht. Da man nicht alle Branchen gleichzeitig behandeln kann, wurden Kriterien entwickelt, nach denen die Branchen ausgewählt wurden. Ein Kriterium ist für Frau Hellar die Machbarkeit und die Veränderbarkeit. Die Stiftung hatte sich bspw. auch das Thema Öl angeschaut und musste da feststellen, dass in dem Bereich aktuell keine Möglichkeit besteht etwas zu verändern. „Auch wenn das frustrierend ist, wir behalten die Branche natürlich im Auge.“ sagt Frau Hellar. „Wir machen eine Risikoanalyse nur, wenn wir einen potentiellen Hebel sehen.“

Die erste Branche, die analysiert wurde, war Elektrorecycling. Danach wurden relativ schnell Kakao und Tourismus, Spielzeug und Fisch aufgegriffen, alles stark frequentierte Branchen. Der Branchenansatz ist für Unternehmen sehr hilfreich, weil man da auf diese Weise sehen kann, wie die Herangehensweise in anderen Branchen war und was funktioniert hat und was nicht. Das Rad muss schließlich nicht immer neu erfunden werden.

Der Übersetzer und Vermittler

Die Stiftung wird darüber hinaus als neutraler Akteur zwischen den verschiedenen Interessensgruppen wahrgenommen. Manche Unternehmen benötigen jemand unabhängigen für die Moderation, beispielweise mit den verschiedenen Stakeholdern. „Unsere Leistung wir nicht nur von Unternehmen, sondern auch von NGOs und Regierungsebene abgefragt.“ erzählt Christiane Hellar „Wir arbeiten sehr eng mit allen Akteuren zusammen und sehen uns so ein bisschen als Übersetzer.“

Manchmal ist das auch nötig, denn nicht jeder, der bei einer NGO arbeitet, hat BWL studiert und kennt die Prozesse von Unternehmen. Die Stiftungsmitarbeiter haben teilweise einen ökonomischen Backround, sprechen aber auch die Sprache der NGOs und können so zwischen NGO und Unternehmen vermitteln, wenn die Fronten mal wieder verhärtet sind.

Entwicklung und Ausblick

Schaut man sich den aktuellen Markt an, sieht man, dass es in der Textil- und Kakaobranche Tendenzen gibt, dass Nachhaltigkeit schon sehr reflektiert und umfassend angegangen wird. Innerhalb der Branchen sieht Frau Hellar aber Unterschiede. Es gibt die Treiber und die Bremser. Auch im Tourismus tut sich viel – eine Branche als besonders gut zu bezeichnen ist für Frau Hellar aber nicht so einfach. „Es gibt Branchen die haben es einfacher, da sie ihre Rohstoffe aus einem sehr klaren mittelbaren Kontext beziehen.“ Sobald die Wertschöpfungsketten komplexer werden, wird die Liste der Probleme eben auch länger.

Insgesamt glaubt Christiane Hellar schon, dass die Bereitschaft für das Thema in den letzten Jahren gestiegen ist. „Es ist eine Kombination aus gutem Willen aber auch Druck.“ Unterm Strich ist eine Tendenz sichtbar, aber im Gegensatz zu den Anfangsjahren liegt auf dem Thema jetzt auch ein ganz andere Aufmerksamkeit. Wir Konsumenten fragen das anders ab, auch durch die Politik wurden Gesetzte definiert. Man muss nur aufpassen, dass aus dem Trend keine Blase wird. Und man muss fairerweise sagen: Da wo es die Lücken gibt, da werden die Lücken auch genutzt.

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