Warum Social TV nicht stirbt, und was About:Kate damit zu tun hat

Ich habe in den letzten Tagen und Wochen immer wieder die Beobachtung gemacht, dass Social TV mit der linearen Diskussion auf Twitter & Co (und ggf. Zusatzinformationen) zum aktuellen Fernsehprogramm gleich gesetzt wird. Das ist zu kurz gedacht, denn Social TV ist viel mehr als das bloße kommentieren von Fernsehsendungen auf Twitter. Die wohl einfachste Definition von Social TV ist die Verknüpfung von Social Media und Fernsehen und das kann auf verschiedene Arten geschehen.

Ab wann spricht man davon, dass Fernsehen „social“ ist? Frank und ich hatten das in unserem Artikel über den aktuellen Stand in Deutschland bereits wie folgt zusammengefasst:

Von “social” im engeren Sinne können wir also immer dann sprechen wenn: Ich etwas mache, das auf andere Einfluss hat (z.B. eine Sendung bewerten oder kommentieren), ich durch Dritte beeinflusst werde (z.B. ein TV Tipp eines Freundes per Mail), wenn ich zusehe, was eine oder mehrere Personen machen (z.B. den Twitter-Stream während des Tatorts lesen), mich selber einbringe (z.B. ein YouTube Video hochlade), mit anderen Nutzern zusammen etwas gestalte (z.B. ein gemeinsamer Hangout), oder aber durch die Daten, die eine große Gruppe erzeugt hat profitiere. (z.B. bessere Orientierung bei IMDb oder iTunes durch Ranking der meistgekauften Apps oder beliebtesten Filme).

Wie kommt es jetzt, dass der Begriff Social TV hauptsächlich mit den Diskussionen auf Twitter parallel zum Programm in Verbindung gebracht wird? Für die Sender ist das Kuratieren von Twitter & Facebook Beiträgen (inkl. eigenem Kommentarsystem) auf der eigenen Webseite zu großen Events schon fast Standard geworden. Während ARD und ZDF ihre Second Screen Angebote Formatbezogen anbieten, können Interessierte die App connect von ProSiebenSat1 für das Programm bei Pro7 und Sat.1 rund um die Uhr nutzen. Anstatt sich einen eigenen Namen für das Second Screen Angebot der ARD zu überlegen, nennt der Sender seine App einfach „Social TV“ und fordert die Zuschauer auf IM Social TV über die Formate zu diskutieren. Das macht die Trennung von linearen Programm und dem Begriff Social TV natürlich nicht einfacher. Aber was ist beispielsweise mit dem Tatort+, bei dem die Zuschauer vor und nach der Ausstrahlung selbst ermitteln konnten?

Bei About:Kate findet wenig bis gar keine Diskussion auf Twitter oder der Facebook-Seite während der linearen Ausstrahlung im TV statt. Trotzdem ist die Serie für mich ein Best Practice für Social TV. Parallel zur Serie gibt es ein Facebook Profil der Protagonistin Kate.

Kate Profil Facebook

Im Namen der Protagonistin werden hier alle möglichen Fundstücke aus dem Social Web veröffentlicht, so wie es viele anderen machen. Wer möchte, kann Kate eine Freundschaftsanfrage schicken. Viele veröffentlichen eigene Inhalte auf dem Profil von Kate. Ich habe die Inhalte von Kate abonniert und eine lange Zeit verfolgt, bis ich mir die erste Folge Wochen nach der Erstausstrahlung im TV angeschaut habe. Auf der eigentlichen Fanpage von About:Kate erfährt der Zuschauer natürlich immer wieder etwas zu der jeweils aktuellen Folge.

Neben der Präsenz auf Facebook gibt es die Webseite von About:Kate. Im Bereich Rezeption erfährt der Besucher alles über die Serie. Dort steht geschrieben:

„Unsere Identität ist virtueller denn je. Wir geben unsere Wünsche und Sehnsüchte in Suchmaschinen ein, streben in sozialen Netzwerken nach Anerkennung und sind eifersüchtig auf das inszenierte Leben anderer. Unsere eigenen Angebereien, Träume und Ängste speisen wir Tag für Tag ins Netz ein und erfinden uns dabei permanent neu. Im Gegenzug erhalten wir unentwegt Input aus dem Web. Die Grenzen zwischen Realem und Inszeniertem verschwimmen und unsere Spuren sind überall und von jedem auffindbar.“

Sind wir nicht alle ein bisschen Kate? Im Rahmen der Serie hat der Zuschauer die Möglichkeit, sich mit der eigenen (virtuellen) Identität auseinanderzusetzen. Hier setzt vor allem die Second Screen App von About:Kate an. Sie begleitet jede Folge mit zusätzlichen Einblicken in Kates Welt und ermöglicht dem Zuschauer Folge für Folge eine Selbstanalyse.

App About Kate

Das tolle an der App, sie funktioniert nicht nur linear, wie wir das von den meisten Second Screen Angeboten der Sender gewohnt sind. Die App erkennt über ein Audiosignal – wie bei Shazam – welche Folge läuft und an welcher Stelle sich der Zuschauer gerade befindet. Warum sollte es auch möglich sein, dass ich die Sendung schauen kann, wann ich möchte, das Zusatzangebot aber nur linear funktioniert? Eine besonders bemerkenswerte Verbindung zwischen der Serie und dem Zuschauer ist ein Telefonanruf während der Folge über die App. Durch die Synchronisation des Audiosignals kann genau festgestellt werden, an welcher Stelle der Zuschauer sich bei der Folge befindet. Ein ziemlicher Clou, denn damit wird dem Zuschauer vor Augen geführt, was technisch möglich ist und welche Spuren er selbst via App preisgibt und hinterlässt.

Passend dazu finde ich im Fernsehzimmer alle Folgen der Serie. Ist es nicht das Hauptanlieger der Sender dass die Inhalte konsumiert werden? Und spielt es wirklich eine wichtige Reihenfolge, ob das linear oder on demand passiert? Für die privaten Sender stellt sich hier natürlich die Frage der Finanzierung, aber hier gibt es auch neue Wege und Möglichkeiten. Auch die Werbung muss sich wandeln, aber damit befasse ich mich in einem anderen Artikel. ProSieben bietet jedenfalls alle Folgen von HalliGalli auch auf der eigenen Webseite an.

Im Gruppenraum bei About:Kate haben die Zuschauer eine weitere Möglichkeit zur Teilnahme. Die Zuschauer sind aufgerufen, eigene Beiträge zu gestellten Aufgaben einzureichen. Die besten Einreichungen werden dann in die Folgen geschnitten und erscheinen im Fernsehen.

Dekorieren

Re Action

Auf der Seite Akte Kate sind Kates digitale Spuren aufgelistet. Suchmaschineneingaben, Playlists, Downloads, Verläufe, Kommentare, Foreneinträge oder Routenbeschreibungen. Dem Besucher wird so ein Spiegel vor Augen gehalten, dass er ebenfalls Spuren im Netz hinterlässt.

Ziehen wir nun Resümee: Was ist an About:Kate nun „social“? Durch die Interaktion mit der Protagonistin auf Facebook, z.B. durch das Veröffentlichen von eigenen Beiträge auf der Pinnwand von Kate, besteht die Möglichkeit, dass dies auch die Freunde der Zuschauer sehen. Das Ergebnis der Therapiesitzungen, die via App möglich sind, kann ebenfalls auf Facebook veröffentlicht werden. Dieser Aspekt ist nicht zu unterschätzen. In der Viacom-Studie wird u.a. thematisiert, dass Social Media heute auch als eine moderne Version einer Programmzeitschrift funktioniert. Zudem rangiert es auf dem dritten Platz (39 Prozent) hinter klassischer Promotion und Mundpropaganda als Quelle, um neue Sendungen zu entdecken. Nach dem „liken“ einer Sendung sind die Zuschauer bis 75 Prozent eher interessiert, sich die Sendung auch anzusehen. An dieser Stelle hat Arte also seine Hausaufgaben gemacht. Die Möglichkeit die Sendung aktiv mitzugestalten fördert darüber hinaus die Bindung an die Sendung. Man muss als Zuschauer doch überprüfen, ob der eigene Beitrag in der Folge aufgegriffen worden ist 😉

Florian Hager, stellvertretender Programmdirektor von ARTE, ist überzeugt, „dass die Sender dem Nutzer die Möglichkeit der Wahl ermöglichen müssen, in welcher Durchdringungstiefe er die Inhalte konsumieren möchte.“ Social TV steht dabei als Sinnbild für eine sich veränderte Fernsehlandschaft. Die Zahl der Zuschauer, denen das klassische Fernsehen – also das reine Konsumieren von Inhalten – zu langweilig ist, steigt.

Crossmedia und transmediales Storytelling sind neben Social TV Begriffe, die in letzter Zeit immer häufiger genannt werden. Transmediales Storytelling bedeutet, dass die Formate durch Konzepte in diese Richtung breiter erlebbar werden und das vor, während und nach der Ausstrahlung im linearen TV. Für mich ist About:Kate neben der tiefen Integration der Zuschauer ein Paradebeispiel, dass Social TV Formate nicht unbedingt mit dem linearen TV verknüpft sein müssen und auch beim on demand Konsum funktionieren.

Das abschließende Wort möchte ich Janna Nandzik, der Regisseurin und Autorin von About:Kate überlassen: „Alles in unserer Serie ist vernetzt und voller Möglichkeiten – genau so, wie es im Internet der Fall ist.“

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